Indikation, differenzierte Einordnung und Infiltration
Kurzfassung: Das Iliosakralgelenk (ISG) kann Rückenschmerz im unteren Kreuz-/Darmbeinbereich auslösen – häufig verwechselt mit Bandscheibenbeschwerden oder Facettengelenksschmerzen. Diese Seite erklärt, wann eine ISG-Infiltration sinnvoll ist, wie sie durchgeführt wird und welche Schritte davor zweckmäßig und erforderlich sind.
Für wen diese Sprechstunde geeignet ist
- Wiederkehrender oder anhaltender Schmerz tief im Kreuz mit möglicher Ausstrahlung in Gesäß/Oberschenkel (nicht unterhalb des Knies).
- Beschwerden beim längeren Stehen/Gehen, beim Aufstehen aus dem Sitzen oder beim Treppensteigen.
- Bereits wegen Rückenschmerzen vorbehandelt, aber eigentlich unklare Diagnose oder unzureichender Effekt bisheriger Maßnahmen.
Typisches Beschwerdebild – und was es vom „Bandscheiben-Schmerz“ unterscheidet
- Lokalisation: ISG-bezogene Schmerzen sitzen einseitig oder beidseitig paralumbal/gesäßnah, oft druckschmerzhaft über dem hinteren Darmbeinstachel.
- Provokation: Drehen im Bett, Aufstehen, langes Stehen/Gehen.
- Ausstrahlung: Häufig ins Gesäß/oberen Oberschenkel, selten unterhalb des Knies.
- Neurologische Zeichen: In der Regel negativ (kein typisches radikuläres Muster).
Abgrenzung zur LWS-Bandscheibe: Bandscheibenbedingte Nervenwurzelreizung strahlt häufiger unterhalb des Knies aus, geht öfter mit Taubheit/Parästhesien, Lasègue-Positivität oder Kraftminderung einher.
Anatomie des ISG in 60 Sekunden
Das Darmbein-Kreuzbein-Gelenk (Ilio-Sakral-Gelenk, ISG) ist ein straffes Gelenk mit nur minimaler Beweglichkeit, welches die Wirbelsäule mit dem Becken verbindet.
Das Gelenk ist paarig angelegt – eines links, eines recht – und hat die Form eines Flugzeugpropellers. Dies gewährleistet eine optimale Kraftübertragung vom Oberkörper via Wirbelsäule auf Becken und Beine.
Das Gelenk besteht aus einem „echten“ Anteil, der wie jedes andere Gelenk des Körpers mit einer Gelenkkapsel und Gelenkhaut (Synovia) ausgekleidet ist, und einem „falschen“ Anteil, welcher ohne Gelenkkapsel nur von Bändern und einstrahlenden Sehnen verbunden wird.
Die natürliche Beweglichkeit besteht beinahe ausschließlich aus einer minimalen Kippung um weniger als 4° nach vorne oder hinten.
Kurze Selbsttests zur Einordnung
Die folgenden Tests ersetzen selbstverständlich keine professionelle körperliche Untersuchung, können aber als einfache Hinweise auf das ISG als Schmerzursprung dienen:
- Druckschmerzhaftigkeit über dem tastbaren ISG-Bereich (hinteres Becken).
- Stufentest: Schmerzspitze beim Aufstehen aus dem Sitzen oder Treppensteigen.
- Einbeinstand (kurz): Belastungsschmerz auf der betroffenen Seite.
Diese Manöver dienen nur der Orientierung. Eine ärztliche Untersuchung ersetzt das nicht.
Was sinnvoll ist, bevor über eine Infiltration nachgedacht wird
- Dosierte Eigenmaßnahmen (1–2 Wochen): Wärme/Kälte nach Verträglichkeit, kurze (!) Entlastungsphasen, moderate Bewegung (z.B. Gehen), schmerzangepasstes Alltagsmanagement. Von einer völligen Ruhigstellung ist dringend abzuraten.
- Analgetika in Eigenverantwortung (kurzzeitig, grds. nach Rücksprache): Ziel ist Funktionsgewinn, nicht vollständige Schmerzfreiheit.
- Gezielte Physiotherapie (falls verfügbar): Stabilisation Becken/Rumpf, Dehnung Hüftbeuger/Glutealmuskulatur, ohne Schmerzzunahme.
- Bildgebung: Eine routinehafte MRT ohne Red Flags bringt in der Regel keine Konsequenz; meist wird diese zum Ausschluss kritischer Differenzialdiagnosen wie einem akuten Bandscheibenvorfall angeordnet. Ultraschall ist hilfreich zur Interventionsplanung und zum gezielten Ausschluss naheliegender Alternativen (z. B. Trochanterschmerz, Entrapment). Mit der Ultraschall-Elastographie lassen sich Verhärtungen, mit dem Farbdoppler-Ultraschall reaktive Veränderungen der örtlichen Durchblutung nachweisen.
Indikation zur ISG-Infiltration
Eine therapeutische Infiltration („Schmerzspritze“) des ISG ist dann zu erwägen, wenn:
- das Beschwerdebild konsistent mit ISG ist,
- konservative Maßnahmen (s. o.) unzureichend wirken,
- Alltag/Funktion merklich eingeschränkt sind, und
- keine Red Flags vorliegen.
Ziel der Infiltration: Schmerzreduktion als Brücke, um die Belastungsfähigkeit wieder herzustellen, so dass Training, Physiotherapie und Alltag wieder steuerbar sind.
Bei unklaren Beschwerden im unteren Rücken und Becken kann eine diagnostische Infiltration die Diagnose sichern. Tritt durch die Infiltration eine merkliche Beschwerdebesserung ein, so ist eine Schmerzursache zweifelsfrei gefunden.
Ablauf der ISG-Infiltration bei Prof. Schicho
- Ersttermin/Diagnostik: Ausführliche Anamnese und klinische Untersuchung, einschließlich (funktionellem) Ultraschall; eingehende Beratung und gemeinsame Entscheidung für oder gegen eine therapeutische oder diagnostische Infiltration.
- Durchführung (steril, Ultraschall-geführt): Feine Nadelkontrolle bis an oder in den ISG-Gelenkspalts; Injektion eines Lokalanästhetikums (örtliches Betäubungsmittel) und – je nach Indikation – eines Kortikoidszur Entzündungshemmung.
- Beobachtung: Kurzer Verbleib in der Praxis; Anleitung für die folgenden 48–72 Stunden (Belastung, Kühlung/Wärme, Warnzeichen).
- Dokumentation: Befund/Verlaufsplan; Arztbrief innerhalb von 24 Stunden an den Zuweiser (falls gewünscht).
Je nach Beschwerdebild und Befund sind technisch verschiedene Infiltrationen möglich, z.B. direkt des Gelenkes an sich oder der kleinen, sensiblen Nervenäste, die zum Gelenk führen.
Warum wir in Serien (3-5 Sitzungen) planen
ISG-Schmerz ist in der Regel mechanisch-funktionell getriggert. Eine Reihe von 3-5 Sitzungen im Abstand weniger Wochen hat sich bewährt, um:
- Den kurzfristigen Effekt des starken, örtlichen Betäubungsmittels wiederholt zu nutzen
- Den mittelfristigen Effekt des Kortikoids aufrecht zu erhalten
- Einen frühzeitigen Rückfall zu verhindern (Belastungsdosierung),
- den Übergang in die selbstständige Stabilisation zu erleichtern.
Die Gesamtbeurteilung erfolgt stets klinisch – es gibt keine Erfolgsgarantie.
Risiken und Nebenwirkungen
- Häufig: vorübergehende Druckschmerzhaftigkeit, kleinste Hämatome, kurzzeitige lokale Missempfindungen.
- Selten: Infektion, Einblutung, allergische Reaktion, anhaltende Nervenirritation.
- Kortikoid-spezifisch: Es gibt Hinweise, dass vielfache Kortikoid-Injektionen in ein Gelenk den Gelenkverschleiß begünstigen können. Daher wird insbesondere bei jüngeren Patienten zur Zurückhaltung geraten.
Wir besprechen Nutzen/Risiken individuell und führen Infiltrationen nur nach schriftlicher Einverständniserklärung durch.
Nach der Infiltration: Was Sie selbst tun können
- 48–72 Stunden beschwerde-angepasst belasten, nicht komplett schonen; kurze Spaziergänge sind günstig.
- Kühlen oder wärmen nach Verträglichkeit; schwere Hebe-/Drehbelastungen zunächst vermeiden.
- Sofortige Rückmeldung bei Warnzeichen (Fieber, starke Rötung/Überwärmung, zunehmende neurologische Beschwerden oder Ausfälle, zunehmende Schmerzen).
Preise & GOÄ-Hinweise (Transparenz)
Wir rechnen nach der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) entsprechend der tatsächlich durchgeführten Leistungen und verbrauchten Materialien ab. Die Gesamtkosten variieren daher von Fall zu Fall und werden Ihnen zuvor orientierend als Kostenvoranschlag mitgeteilt. Richtwerte (Selbstzahler/PKV, ohne Gewähr):
- Ersttermin inkl. Ultraschall: ca. 350 €
- ISG-Infiltration (Ultraschall geführt): ca. 250 € je Sitzung
Hinweis: Klären Sie bitte vor dem ersten Termin die Kostenerstattung mit Ihrer Krankenversicherung ab. Bitte beachten Sie, dass bei Nichterscheinen oder Absage des Termins weniger als 24h zuvor eine Ausfallgebühr i.H.v. 150€ geltend gemacht wird.
Für Zuweiserinnen und Zuweiser
- Indikation: klinischer Verdacht auf ISG-Genese, unzureichender konservativer Effekt, relevante oder protrahierte Einschränkung von Alltag/Arbeit.
- Unser Angebot: US-geführte Infiltration (seriell nach Indikation), Funktions- und Belastungsplan, Arztbrief innerhalb von 24 Stunden (Befund, Medikation, weitere Schritte).
- Kontakt: Direkte Durchwahl/verschlüsselte E-Mail; wir reservieren 2 Start-Slots pro Tag für zugewiesene Fälle.
Häufige Fragen (Auszug)
Muss vorher ein MRT gemacht werden?
Nein, nur bei klarer Indikation (Red Flags, untypischer Verlauf, ggf. Ausschluß anderer Ursachen). Die Entscheidung treffen wir gemeinsam im Ersttermin.
Wie schnell wirkt die Infiltration?
Lokalanästhetikum wirkt kurzfristig, Kortikoid verzögert (Tage). Wir beurteilen den Verlauf über 2–3 Sitzungen. Das Ansprechen auf die Behandlung erfassen Sie systematisch in einem kleinen Protokoll.
Kann der Schmerz zurückkommen?
Ja. Ziel ist, die Belastbarkeit zu erhöhen und Rückfälle seltener und milder zu machen. Eigenmaßnahmen bleiben entscheidend. Die Infiltration bildet nur die Brücke und ist keine ursächliche Behandlung.
Wie lange dauert ein Termin?
In der Regel 30 bis 40 Minuten inkl. Aufklärung und Nachbeobachtung.
Rechtliche Hinweise
Diese Informationen ersetzen keine persönliche Untersuchung/Behandlung. Bei Warnsignalen (red flags) wenden Sie sich bitte umgehend an eine Ärztin/einen Arzt Ihres Vertrauens bzw. den ärztlichen Notdienst.